Atemberaubend heiße Luft – Weltmusikband Hazmat Modine in der Harmonie
New York gilt vielfach als Schmelztiegel der Kulturen, in dem Musik und Kunst aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen und ein Amalgam entstehen lassen, das mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Jetzt hat die Band Hazmat Modine in der Harmonie bewiesen, dass eine derartige Mischung einfach großartig klingen kann – und auch Robert Schumann gefesselt hätte. Das vermutet zumindest der Musikjournalist Thomas Kölsch in seiner Konzertkritik, die wir hier abdrucken:
Es ist heiß in der Harmonie, heiß und stickig. Gegen die schwüle Luft und die Wärme der dicht an dicht stehenden Besucher ist selbst die Klimaanlage machtlos. Und gegen die Band auf der Bühne erst recht. Denn was Hazmat Modine dort in einem riesigen Schmelztiegel zusammenmischt, ist atemberaubend: Folk, Rock, Blues, Klezmer, Reggae und vieles mehr verbinden sich zu einer Legierung, die mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Mühelos wächst zusammen, was man nie zusammen gedacht hätte und was trotzdem nahtlos ineinander greift, geprägt von der Virtuosität und der Leichtigkeit der Bandmitglieder – und von so manchem Witz.
Streng genommen sind Hazmat Mudine (der Name ist eine Kombination aus der amerikanischen Abkürzung für gefährliches Material und einem Heißluftgebläse-Hersteller) im Rahmen des Schumannfests Außenseiter, die abgesehen von der Namensverwandtschaft ihres Frontmanns und Gründungsmitglieds Wade Schuman mit dem großen Komponisten und seiner Frau Clara auf den ersten Blick nur recht wenig zu tun haben. Das Interesse am „Volkston“ eint sie dann aber doch. Nicht ohne Grund haben Hazmat Modine unter anderem mit dem mongolischen Oberton-Ensemble Hun Huur Tu zusammengearbeitet, und auch Country in all seinen Spielarten schwingt bei ihnen immer mit. In der Harmonie wird zwischenzeitlich sogar gejodelt – zumindest bis Saxofonist Steve Elson wieder in eines seiner grandiosen Jazz-Soli einsteigt oder Drummer Varun Das die Sticks tanzen lässt. Keine andere Band bringt die verschiedenen Wurzeln amerikanischer Musik so geschickt zusammen wie Hazmat Mudine. Dabei ist sie mit derzeit sieben Mitgliedern noch vergleichsweise klein; in der Vergangenheit umfasste die Formation auch schon mal elf Musikerinnen und Musiker, die allesamt auf hohem Niveau zu spielen verstehen. Viele von ihnen sind erfahrene und begehrte Studio-Musiker, die live allerdings erst so richtig aufblühen. Und wirklich zu spielen beginnen, miteinander und mitunter auch mal gegeneinander. Da tauscht sich zum Beispiel Wade Schuman ausgerechnet mit dem ebenso kolossalen wie druckvollen Sousafonisten Kenny Bentley aus, während sich die umwerfende Violinistin Daisy Castro, die sich auch als hinreißende Sängerin entpuppt, vor allem mit E-Gitarrist Erik della Penna die Bälle zuwirft. Letzterer ist übrigens inzwischen zweiter Songwriter der Band, neben Schuman natürlich, der Hazmat Modine 1998 in New York gründete und seit nunmehr 28 Jahren deren Geschicke leitet.
Das größte Pfund von Hazmat Modine ist allerdings nicht die technische Brillanz der Mitglieder, sondern vielmehr deren Spontaneität. Spontane Improvisationen sind kleine Seltenheit, das gehört zum Jazz und zum Blues eben dazu – aber es geht eben nicht nur um irgendwelche Soli, sondern um unerwartete Einsätze und rhythmische Verschiebungen, die andere Künstlerinnen und Künstler längst an den Rand des Wahnsinns getrieben hätten. Die erscheinen ohnehin ziemlich absurd und sind gerade deswegen genial: Wenn auf einmal mitten in einem klassischen Blues-Schema statt eines Vierer- ein Siebener-Takt erscheint und der Groove trotzdem irgendwie durchgezogen wird, ist das schon eine Leistung für sich; dass dies dann aber auch noch völlig organisch wirkt und überhaupt nicht bemüht, ist ganz große Kunst. Das kommt beim Publikum hervorragend an, ob es nun in dem Seitenflügel der Harmonie sitzt oder sich direkt vor der Bühne tummelt und die Energie der Band in Maximaldosis abbekommt. Für den Rest sorgt Schuman mit seinen eigenwilligen Moderationen, in denen er durchaus auch mal gegen Donald Trump austeilt, meistens aber irgendwelche aberwitzigen Geschichten erzählt, die manchmal, aber nicht immer als Narrativ für das nächste Stück dienen. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Hauptsache, alle haben Spaß. Und das kann bei diesem grandiosen Konzert wirklich niemand verneinen.





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