12
Juni

Zwischen Hölle und Elysium: Klaviervirtuose Robert Neumann spielt Geburtstagskonzert für Schumann

Zur festen Tradition des Bonner Schumannfests gehört natürlich ein Geburtstagskonzert am 8. Juni zu Ehren von Robert Schumann. In diesem Jahr hat Ausnahmetalent Robert Neumann, der 2025 sowohl zu den Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs zählte als auch den Internationalen Deutschen Pianistenpreis gewann, diese Aufgabe übernommen. Seine Eindrücke fasst der Musikjournalist Thomas Kölsch folgendermaßen zusammen:

Wenn Robert Neumann in die Tasten haut, meint man die Kreise der Hölle lodern zu hören. Mit geradezu infernalischer Wucht hämmert der 25-Jährige, den viele Klassik-Liebhaber als einen der aufregendsten Pianisten seiner Generation ansehen, die Töne in die Dunkelheit des Theaters im Ballsaal, peitscht im drohenden Moll die Klagen der gefangenen Seelen zu einem Sturm auf, nur um dann wieder leiser zu werden und versöhnlicher, himmlischer und zärtlicher. Franz Liszts „Dante-Sonate“ ist in Neumanns Interpretation ein Werk der Extreme, bei dem das Publikum wie gebannt den oft tosenden und dann wieder besinnlichen Melodien lauscht und angesichts der überwältigenden Dynamik einen eigenen Vergil als Führer gut gebrauchen könnte. Doch im Gegensatz zu Dante verlässt man Liszts Unterwelt nie vollständig, sondern ist gefangen in einem ständigen Wechselspiel zwischen Verdammnis und Erlösung. Neumann spielt denn auch wie der Teufel, überaus physisch, aber stets konzentriert und jederzeit in der Lage, alles zurückzufahren. Ein Bravourstück, das sich angesichts des phantasmagorischen Themas zudem als Nachtstück gut eignet – so lautet ja schließlich das Motto des diesjährigen Schumannfests.

Dieser Tour de Force schließt sich Frédéric Chopins „Etudes op. 25“ an, schwelgend, episch, vielseitig. „Nach der Etüde wird’s Einem, wie nach einem sel’gen Bild, im Traum gesehen, das man, schon halbwach, noch einmal erhaschen möchte“, so schreibt Schumann selbst über dieses Werk, das er sehr bewunderte und das Neumann geschickt als Bindeglied zwischen diesem und Liszt gestaltet: Immerhin schrieb Chopin diese zweiten Etüden zwischen 1833 und 1837 und widmete sie der Gräfin Marie d’Agoult, in jener Zeit die Lebensgefährtin von Liszt. Auch hier macht der 25-Jährige Druck, verdichtet immer wieder den Klang, schichtet Akkorde übereinander wie Gewitterwolken und lässt sie dann wieder verdunsten. Es ist ein beständiges Spiel mit Strukturen, aber auch mit Erwartungen, vor allem wenn es um den Schlusspunkt geht, den Neumann kontinuierlich verschiebt. Zusammen mit der Dante-Sonate dauert die erste Hälfte des Geburtstagskonzerts immerhin 70 überaus intensive Minuten – und das ohne einen einzigen Ton von Schumann.

Das kann natürlich nicht so bleiben. Nach der Pause also die Symphonischen Etüden, die etwa zur selben Zeit entstanden sind wie die zuvor gespielten Etüden Chopins. Deren Vorgänger haben Schumann nachweislich inspiriert, doch ging er noch einen Schritt weiter, indem er seine „Fingerübungen“ als Variationen komponierte – Bach lässt grüßen. Dieser Ansatz kommt Neumann gerade recht; ohnehin ist er ein leidenschaftlicher Improvisator, der für diesen Abend eine eigene Abfolge der Etüden zusammengestellt hat (unter anderem mit Sätzen, die aus der ersten Druckfassung gestrichen worden waren), um das Gesamtwerk aufzufrischen und die poetische Idee um eine weitere Facette zu bereichern. Dank seiner technischen Brillanz kann er sich das auch leisten, fließen doch die einzelnen Variationen mühelos und organisch ineinander, mit einem bemerkenswerten Gespür für Timing und Dynamik. Eine atemberaubende Darbietung, die das Publikum dementsprechend goutiert. Als Zugabe spielt sich Neumann schließlich völlig frei: Aus Stilen großer Komponisten, die Besucherinnen und Besucher nennen durften, und einigen ausgewählten Tonarten improvisierte er zwei eindrucksvolle Miniaturen, die den Geist der Meister einzufangen versuchten. Mit Erfolg.

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